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NEWS ÜBERSICHT

Europäischer Dieselmarkt schwächelt

23. April 2024

Der europäische Dieselmarkt signalisierte zuletzt deutliche Schwächeanzeichen. Die Marktkonstellation am Londoner Gasoilkontrakt ist von einer langanhaltenden Backwardation in den letzten 13 Monaten nun ins Contango gerutscht – für Börsenkenner ein klares Anzeichen auf eine Überversorgung bei geringer Nachfrage.

In einer Contango-Situation sind Futures mit einem früheren Ablaufdatum günstiger als jene mit einer längeren Laufzeit. Entsprechend kostet der Mai-Kontrakt bei ICE Gasoil seit Ende letzter Woche wieder mehr als der Augustkontrakt, dessen Ablaufdatum drei Monate später liegt. Mit einer Differenz von 5,25 Dollar am sogenannten Dreimonats-Spread ist dies die stärkste Contango seit Mai 2023.

Die Anleger an den Ölbörsen bleiben auf Richtungssuche und agieren nach dem Motto: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Während die akute Gefahr einer weiteren Eskalation im Nahen Osten zwar aktuell nicht gegeben ist, bleibt aufgrund der nach wie vor angespannten Situation eine gewisse Risikoprämie bestehen.

„Die nachgebende geopolitische Risikoprämie hat den Rohölpreisen zuletzt einen Dämpfer versetzt, da es nicht zu einer nennenswerten Angebotsunterbrechung kam“, ordnet Marktexpertin Sugandha Sachdeva von SS WealthStreet die Lage ein. Sie betont aber auch die Fragilität und Unsicherheit der geopolitischen Lage. Zwar gebe es aktuell keine Anzeichen für eine Ausweitung des Krieges, „aber jede Eskalation der Spannungen könnte den aktuellen Trend schnell umkehren“, so die Analystin.

Dieser Meinung sind auch die Marktbeobachter von der ANZ. Sie verweisen zudem auf die Verabschiedung neuer Sanktionen gegen den iranischen Ölsektor, mit denen die USA die derzeitigen Sanktionen auf ausländische Häfen, Schiffe und Raffinerien ausgeweitet, die wissentlich iranisches Rohöl verarbeiten oder versenden. Auch Europa hat sich laut dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell grundsätzlich auf eine Ausweitung der Sanktionen gegen den Iran geeinigt.

Allerdings herrscht am Markt auch berechtigter Zweifel, ob es sich bei diesen Aktionen nicht eher um symbolische Maßnahmen handelt. Denn immerhin ist der Iran schon seit Jahren mit massiven Sanktionen belegt und konnte seine Ölexporte in den vergangenen Monaten und Jahren dennoch stetig ausweiten – vor allem mit Hilfe aus China. Die Volksrepublik interessiert sich herzlich wenig für die Sanktionen aus den USA, was sich auch am Umgang mit den russischen Ölexporten zeigt. Es bleibt also abzuwarten, ob die neuen Sanktionen am physischen Markt tatsächlich spürbar werden oder nicht.

Bei der ANZ rechnet man in der kommenden Zeit aufgrund der hohen Unsicherheit von geopolitischer Seite mit einer hohen Volatilität. Marktexpertin Vandana Hari sieht hingegen eher eine Seitwärtsbewegung, die sich in den letzten Handelstagens schon herauskristallisiert hat.

„Der Rohölpreis hat die Risikoprämie zwischen Israel und dem Iran abgebaut, scheint nun aber in eine Seitwärtsbewegung überzugehen“, so die Analystin von Vanda Insights. Sie stellt klar: „Es ist schwer vorstellbar, dass es von den aktuellen Niveaus aus zu einer Korrektur kommt, es sei denn, es gibt einen Durchbruch an der Gaza-Front“.

Insgesamt bleibt die fundamentale Einschätzung nur leicht bullish, da die bestehende Risikoprämie zum Nahostkonflikt größtenteils eingepreist ist und stattdessen wieder das breitere fundamentale Umfeld ins Blickfeld der Anleger rückt. So schwebt nach wie vor die Zinspolitik der US-Notenbank wie ein Damoklesschwert über den Märkten, da die lang erhoffte Zinswende zuletzt massiv ins Wanken kam.

Weitere US-Sanktionen gegen den Iran

22. April 2024

Das US-Repräsentantenhaus hat am Samstag ein neues Maßnahmenpaket zur Auslandshilfe verabschiedet, in dem auch neue Sanktionen gegen den iranischen Ölsektor enthalten sind. Es soll schon in wenigen Tagen auch den Senat passieren. Das Gesetzespaket, das im Rahmen eines 95-Milliarden-Dollar-Pakets zur Unterstützung der Ukraine, Israels und Taiwans eingebracht worden war, wurde am Samstag mit 360:58 Stimmen verabschiedet.

Mit dem Gesetz sollen die Sanktionen gegen den Iran auf ausländische Häfen, Schiffe und Raffinerien ausgeweitet werden, die unter Verletzung der bestehenden US-Sanktionen bewusst iranisches Rohöl verarbeiten oder versenden. Außerdem sollen die so genannten sekundären Sanktionen auf alle Transaktionen zwischen chinesischen Finanzinstituten und sanktionierten iranischen Banken ausgeweitet werden, die dem Kauf von Erdöl und Erdölprodukten dienen (16.04.2024 USA sanktionieren Chinas Ölimporte aus dem Iran).

Nach dem Schrecken von Freitagmorgen haben sich die Ölbörsen weiter beruhigt und die Notierungen an ICE und NYMEX geben im frühen, asiatisch geprägten Handel wieder etwas nach. Die Marktteilnehmer konzentrieren sich wieder vermehrt auf das weitreichendere fundamentale Umfeld, nachdem Israel und Iran offenbar erst einmal nicht weiter an der Eskalationsspirale drehen wollen.

„Wirtschaftliche Bedenken sorgen wieder verstärkt für bearishen Abwärtsdruck am Rohölmarkt“, glaubt deshalb Ölmarktexpertin Tina Teng. Die Preise stünden „aufgrund eines großen Aufbaus der US-Lagerbestände und einer hawkishen Fed, die den Dollar stützt, unter Druck“, erklärt die Analystin und nimmt damit einmal mehr Bezug auf die Zinspolitik der US-Notenbank.

Zuletzt hatte am Freitag der Präsident der Chicagoer Federal Reserve, Austan Goolsbee, eine längere Hochzinsphase in Aussicht gestellt und warnte davor, dass der Fortschritt bei der Inflation "ins Stocken geraten" sei. Er befindet sich in guter Gesellschaft, denn in den letzten Wochen hatten die US-Notenbankerinnen und -banker mehr oder weniger deutlich signalisiert, mit Zinssenkungen noch eine unbestimmte Zeit abwarten zu wollen.

Auf die Ölpreise wirkt dies wegen des befürchteten Nachfragerückgangs im Zusammenhang mit den hohen Zinsen ebenso bearish wie die starken Aufbauten bei Rohöl, die das DOE in der Vorwoche gemeldet hatte. Der Anstieg war mit +2,7 Mio. Barrel zwar nicht ganz so stark ausgefallen, wie das API im Vorfeld gemeldet hatte (+4,1 Mio. Barrel), allerdings lag der Anstieg sehr deutlich über den Erwartungen (+0,6 Mio. Barrel).

Entsprechend verzeichneten beiden Rohölkontrakte letzte Woche den größten Wochenverlust seit Ende Januar/Anfang Februar. Der initiale Preissprung am Freitagmorgen, nachdem die ersten Meldungen zu Israels Gegenschlag die Runde gemacht hatten, hatte sich schnell erledigt, da die Marktteilnehmer inzwischen davon ausgehen, dass beide Angriffe (sowohl derjenige des Iran vom vorletzten Wochenende, als auch der israelische von Freitagnacht) eher „Show“ waren und dazu dienen sollten, das Gesicht zu wahren, ohne tatsächlich einen Krieg zu provozieren.

Konsequenzen für den Iran sollen nun in eher vom Westen in Form von weiteren Sanktionen kommen. Am Samstag verabschiedete das US-Repräsentantenhaus ein neues Maßnahmenpaket, dass in den kommenden Tagen auch durch den Senat gewunken werden dürfte. Ob diese neuen Aktionen allerdings tatsächlich Potenzial haben, die iranischen Ölexporte nachhaltig zu beeinflussen, wird sich erst noch zeigen müssen.

Der Markt wird abwarten müssen, ob sich die US-Sanktionen auf die iranischen Handelsströme auswirken, bevor er reagiert, glaubt auch Warren Patterson von der ING Groep NV. "Überraschend ist, dass die Ölpreise trotz der erhöhten Risiken und Spannungen im Nahen Osten nicht übermäßig besorgt zu sein scheinen", fügte er hinzu.

Trotz der aktuell eher bearishen Stimmung sind die Ölpreise in diesem Jahr bisher um rund 13 Prozent gestiegen, wofür neben der geopolitischen Spannungen auch Faktoren wie die massi-ven OPEC+ Förderkürzungen und die immer wieder aufflammenden Nachfragesorgen verantwortlich sind.

In dieser Woche werden sich die Anleger neben der geopolitischen Lage vor allem auf eine Reihe von Konjunkturdaten konzentrieren, darunter unter anderem der PCE-Kernpreisindex. Er gilt als der für die Fed bedeutendste Inflationsmarker und könnte somit – sollte er besonders niedrig ausfallen – noch einmal Hoffnungen auf baldige Fed-Zinssenkungen schüren.

Israelische Angriff auf Iran?

19. April 2024

In der Nacht wurden aus dem Iran Explosionen in der Stadt Isfahan gemeldet. Vermutet wird ein Angriff Israels als Vergeltung für die Attacke Teherans mit über 300 Drohnen und Raketen am vergangenen Wochenende. Offizielle Statements gab es bisher allerdings noch nicht, außer vom Iran. Diese sind zum Teil aber noch nebulös.

Die Nuklearanlagen in der Region Isfahan, zu denen auch die Anreicherungsanlage in Natanz gehört, sollen sicher sein - soweit schon einmal die beruhigenden Meldungen. Zur Ursache der zu vernehmenden Explosionen hieß es, dass es sich um die Aktivierung des Luftabwehrsystems handelte, es aber keinen Raketenangriff gegeben habe. Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass ein Luftabwehrsystem nicht ohne Grund aktiviert wird.

Bei der staatlichen, iranischen Nachrichtenagentur IRNA war die Rede von verdächtigen Objekten, die abgewehrt wurden. Über X wurde vom Sprecher der iranischen Raumfahrtbehörde später klargestellt, dass es sich dabei um drei „Microbirds“ gehandelt habe, also vermutlich kleinere Drohnen. Der Angriff scheint vollständig abgewehrt worden zu sein, denn aus dem Iran heißt es, dass es keine großen Schäden gäbe. Ein Vertreter des Irans bezeichnete die Attacke als "fehlgeschlagenen und beschämenden" Drohnenangriff.

Wie sensibel die Preise an den Ölbörsen immer noch auf neue geopolitische Meldungen aus dem Nahen Osten reagieren, zeigte sich heute Morgen, als es hieß, Israel habe in der Nacht zum Freitag seinen bereits angedrohten Vergeltungsschlag gegen den Iran ausgeführt. Nachdem die Preise beiden Rohölkontrakte gestern zeitweise noch den niedrigsten Stand des laufenden Monats erreicht hatten und Brent auch im Settlement ein vorläufiges April-Tief markiert hatte, lagen die Preise von Brent und WTI im heute Morgen kurzzeitig um mehr als 3 Dollar pro Barrel oberhalb der gestrigen Settlementpreise.

"Je nach Art der Schläge [des israelischen Militärs gegen Iran, Anm. d. Red.] nähern wir uns einem Szenario, in dem Versorgungsrisiken Realität werden", erklärt Analyst Warren Patterson von der ING Groep NV den starken Preissprung in Reaktion auf die Meldungen und führt aus: "Der Markt wird wahrscheinlich anfangen müssen, eine noch größere Risikoprämie einzupreisen". Ölmarktexpertin Helima Croft und ihre Kollegen von RBC Capital Markets LLC wiesen vor den Berichten über den mutmaßlichen Gegenschlag Israels noch "auf das erhöhte Risiko hin, dass dieser Krieg auf der Eskalationsleiter nach oben steigt" und fügten hinzu: "Die Ölversorgung könnte ins Fadenkreuz dieses sich ausweitenden Konflikts geraten".

Knapp oberhalb von 90 Dollar Brent nahmen erste Trader dann jedoch Gewinne mit. Der Rücksetzer im Bereich dieser psychologisch wichtigen Preismarke könnte damit zu tun haben, dass es zwischenzeitlich hieß, die in der iranischen Stadt Isfahan vernommenen Explosionen seien der Aktivierung des Abwehrsystems geschuldet gewesen. Darüber hinaus könnte jedoch auch - wie schon beim Angriff Irans gegen Israel - die Meldungen, dass keine größeren Schäden durch den Gegenschlag Israels entstanden seien, dafür gesorgt haben, dass ein Teil der anfänglich eingepreisten Risikoprämie schon wieder ausgepreist wurde.

Nach dem Raketen- und Drohnenangriff Irans auf Israel von vergangenem Samstag waren die Ölpreise nach einem anfänglichen Anstieg sogar wieder gesunken, weil man am Markt bereits mit dem Angriff gerechnet hatte und dieser von Israel daher gut abgewehrt werden konnte. Ob es sich diesmal allerdings genauso verhält bleibt abzuwarten.

Davon abgesehen wurde zuletzt immer wieder die hohe Reservekapazität der OPEC+ zitiert, mit der potenzielle Angebotsausfälle aufgefangen werden könnten. Die Frage ist jedoch, ob nicht noch weitere Länder in der Region und damit auch Mitglieder der OPEC (wie beispielsweise der Irak) mit in den Konflikt hineingezogen werden, sollte dieser noch stärker eskalieren.

Einzelne Vertreter der US-Regierung brachten zuletzt auch wieder eine Freigabe strategischer Ölreserven ins Spiel. Diese müsste jedoch zunächst vom Kongress abgesegnet werden. Angesichts des im historischen Vergleich immer noch niedrigen Niveaus der strategischen Bestände könnte die Biden-Administration dabei auf Schwierigkeiten stoßen.

Die zuletzt wieder gestiegenen Sorgen im Hinblick auf die Zinsentwicklung in den USA sind angesichts der jüngsten geopolitischen Entwicklungen wieder etwas in den Hintergrund gerückt. Im weiteren Tagesverlauf stehen auch keine wichtigen Konjunkturindikatoren aus den USA zur Veröffentlichung aus, sodass die Marktteilnehmer ihr Hauptaugenmerk vor dem Wochenende weiter auf den Nahostkonflikt legen dürften.

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